Völkerverständigung

Völkerverständigung

Brief von Questus Quill, Professor für Geschichte an der Universität Zanzaras, an Lathra von Wolkenbruch, Dekanin der Universität Lichtburgs


Meine hochgeschätzte Lathra von Wolkenbruch,

Nach einer recht angenehmen Reise durch den Osten Ahrcárras bin ich nun  wohlbehalten in Zanzara angelangt, und habe meine Arbeit an der Universität wieder aufgenommen. Ich möchte Euch, werte Kollegin, noch einmal in aller Form für die Gastfreundschaft danken, die Ihr mir zuteil habt werden lassen, und natürlich für die einmalige Gelegenheit, Eure Stadt Lichtburg zu besuchen. Auch wenn ich bereits viele Berichte von Mitgliedern meines Volkes gehört habe, die in Lichtburg die Wassertürme befüllen, so ist es doch etwas völlig anderes, die Stadt der Türme mit eigenen Augen zu erblicken – und ich kann Euch versichern, dass mich der Besuch dieses Ortes in meinen Forschungen erheblich weitergebracht hat.

Die Zeit in Quasaria, auf der Heimreise, sowie die letzten Tage und Nächte habe ich genutzt, um den Aufsatz über die Politik und Ökonomie Lichtburgs, über den wir gesprochen haben, fertig zu stellen. Nicht ganze ohne Stolz sende ich Euch ein Exemplar zur Ansicht, und es wäre mir eine Ehre, bei meinem nächsten Besuch in der Hauptstadt mit Euch über meine Thesen zu sprechen.

Auch wenn ich nicht in der Lage bin, Euch einen ähnlichen Einblick in die Kultur und Lebensweise meines Volkes zu bieten, wie Ihr ihn mir habt teilwerden lassen – ich habe noch immer keinen Weg gefunden, Euch auf angemessen bequeme und sichere Weise nach Zanzara zu bringen – so will ich doch, soweit es mir möglich ist, Eure Fragen beantworten und euch zumindest eine Beschreibung unserer Stadt liefern.

Vorausschicken möchte ich, dass Zanzara, obwohl sie sich unter Wasser in einer gläsernen Kuppel befindet, eine Stadt ist, in der es Luft zum Atmen und alle anderen zum Leben notwendigen Dinge gibt. Die Fähigkeit, mit Kiemen atmen zu können, ist in meinem Volk unterschiedlich stark ausgeprägt, und auch wenn es den meisten leichtfällt, viele Stunden unter Wasser zu bleiben, so gibt es doch auch Wassermenschen, die auf dem Weg von und nach Zanzara ersticken würden. Diese Mitglieder meines Volkes können unsere Stadt nicht verlassen, doch finden hier alles, was sie brauchen, und haben auch in der Stadt die Möglichkeit, sich an unserer Gesellschaft zu beteiligen.

Durch meinen Besuch bei Euch in der Hauptstadt ist mir aufs Neue klar geworden, wie sehr sich doch die Gesellschaft und Wirtschaft meiner Stadt von der Lichtburgs, tatsächlich auch von der der an Land lebenden Wassermenschen, unterscheidet. In Zanzara ordnet sich jedes Individuum dem Wohl der Gemeinschaft unter, und bringt seine Fähigkeiten so ein, wie es für die Stadt am besten ist. Jeder, der in Zanzara lebt, hat somit eine Aufgabe, die er zu erfüllen hat, und der Lohn dafür besteht nicht, wie an Land üblich, aus Geld, sondern darin, die Früchte der Arbeit aller anderen Bürger genießen zu dürfen – zumindest in dem Maß, wie es einem zusteht.

Da ich Ahrcárra oft genug bereist und die Geschichte des Landes und der anderen Völker studiert habe, bin ich nicht naiv genug zu glauben, dass diese Beschreibung unserer Kultur keine Fragen aufwerfen oder nicht sogar auf Unglauben stoßen würde. Doch seid versichert, werte Lathra, die Lebensweise der Wassermenschen, die ich Euch hier schildere, ist alt und hat über Jahrhunderte in Zanzara nicht nur funktioniert, sondern hat unsere Stadt auch reich und erfolgreich gemacht. Die Weigerung vieler Heiler aus Zanzara, für ihre Dienste Geld anzunehmen, aber stattdessen etwa Naturalien zu akzeptieren, ist im Übrigen ein Teil unserer Kultur, der sich auch an Land teilweise erhält.

Die Aufgaben, die in einer Stadt wie Zanzara anfallen, sind vielfältig, und so ist es möglich, für jeden Bürger einen Beruf zu finden, der seinen Neigungen und Fertigkeiten am besten entspricht. Dabei ist unser Volk in sieben sogenannte Gilden unterteilt, und jede Gilde sorgt dafür, dass sie ausreichend Güter produziert und Dienstleistungen bereitstellt, dass die Versorgung der gesamten Stadt gesichert ist.

Die Gilde der Köche umfasst nicht nur, wie der Name vermuten lässt, die Menschen, die mit der Zubereitung von Nahrung beschäftigt sind, sondern auch beispielsweise Feldarbeiter und Erntehelfer auf den Seetang-Feldern, Fischhirten, oder Wasseraufbereiter. In der Gilde der Handwerker finden sich Steinmetze, Zimmerer, Schiede, Baumeister, aber auch Schneider und Töpfer. Unter den Handwerkern kommt den Glasern eine besondere Bedeutung zu, da sie diejenigen sind, die das Glas für die Kuppel Zanzaras – welches übrigens aus Zhrád stammt, und dort unter Zuhilfenahme der heißen Quellen aus Sand hergestellt wird, was seine graue Färbung erklärt – bearbeiten und die Wartung der Außenhülle der Stadt übernehmen, die den Einschluss der Luft gewährleistet.

In der Gilde der Künstler findet man Angehöriger jener Berufe, deren Zweck es ist, die Menschen auf irgendeine Weise zu erfreuen. Dazu gehören neben Malern, Schaustellern, Musikern, Dichtern oder Schriftstellern auch Konkubinen, welche in Zanzara – nicht wie an Land, wie mir scheint – besonders angesehen sind, da sie ihren eigenen Körper und ihre Gesundheit, das Höchste Gut, das es für einen Wassermenschen gibt, zum Wohle der Gemeinschaft riskieren.

Die Gilde der Seefahrer ist sehr wichtig für die Versorgung Zanzaras mit Gütern von Land und für den Export unserer Produkte. In dieser Gilde sind nicht nur die Seeleute organisiert, die auf Schiffen – welche ebenfalls von dieser Gilde hergestellt werden – ihren Dienst tun, sondern auch Händler und Kaufleute. Diese Bürger, welche sich oft auf Reisen nach Quasaria und in andere Städte begeben, arbeiten im Gegensatz zu den anderen Wassermenschen Zanzaras mit Geld. Beim Handel mit der Außenwelt ist es notwendig, für die Güter, die unsere Stadt braucht und nur mit viel Mühe selbst herstellen könnte, mit Geld der Lichtbank zu bezahlen, da Tauschgeschäfte unter den anderen Völkern meist unüblich sind.

Die Seefahrer-Gilde trägt dafür Sorge, dass Zanzaras Handelsbilanz ausgeglichen ist, indem sie stets für etwa denselben Wert Güter verkauft wie einkauft – die zu verkaufenden Produkte werden ihr dabei von den anderen Gilden bereitgestellt. Neben dem Handel der Seefahrer generieren auch die Dienstleistungen, die die Heiler – zu denen ich noch komme – in der Strandklinik Zanz’quá anbieten, ein Einkommen in Form von Geld, das zum Ausgleich für den Import von Gütern verwendet wird.

Die Gilde der Schreiber, der ich selbst angehöre, beschäftigt alle Bürger, die sich vorrangig um geistige Dinge kümmern. Dazu zählen wir, die Wissenschaftler der Universität Zanzaras, die Lehrer unserer Allgemeinschule, und die sogenannten Magistrate, also die Beamten und Angestellten der Ältesten-Regierung, die für die Verwaltung der Stadt verantwortlich sind.

In Zanzara gibt es weiter die Gilde der Magier. Aufgrund der herausragenden Stellung, welche die Magie unter den Himmelsmenschen einnimmt, mögt Ihr vielleicht annehmen, dass dieser Gilde eine besondere Bedeutung in unserer Stadt beikommt. Dem ist nicht so; Magie wird unter den Wassermenschen als nützliche Fertigkeit betrachtet, als Werkzeug gewissermaßen, aber sie bestimmt nicht den gesellschaftlichen Rang einer Person. Es gibt begabte Wassermagier in allen Gilden, und sofern sie in der Lage sind, ihre Magie für die Aufgaben, die sie für ihre jeweiligen Gilden übernehmen, vorteilhaft einzusetzen, bekleiden sie dort hohe Ränge und Ämter. In der Gilde der Magier selbst sind diejenigen Bürger organisiert, welche Magie vor allem zum Kampf einsetzen; sie dienen Zanzara als Wachleute und Leibwächter, und sind dafür zuständig, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Die Gilde, welche tatsächlich aus den übrigen heraussticht, und für die Zanzara in ganz Ahrcárra bekannt ist, ist die Gilde der Heiler. Sie nimmt in gewisser Hinsicht die bedeutende Position ein, die Ihr vermutlich der Magier-Gilde zugeschrieben hättet, denn die Fertigkeit des Heilens ist unter den Wassermenschen seit jeher die am meisten geachtete, und die Heiler sind diejenigen Bürger, die das Ideal Zanzaras womöglich am besten repräsentieren.

In der Gilde der Heiler sind nicht nur magische Heiler organisiert, denn diese führen nur einen Teil der Behandlungen durch, zu der unsere Klinik in der Lage ist. Es gibt in Zanzara große Heiler, die in der Wassermagie nur wenig bewandert sind – weniger als ich, und das ist, wie Ihr wisst, eine Kunst für sich – sich aber durch umfangreiches, tiefes Wissen über den menschlichen Körper und seine Krankheiten auszeichnen, und so zu komplizierten chirurgischen Eingriffen fähig sind. Die Gilde der Heiler umfasst außerdem Krankenpfleger, Apotheker, die Hersteller der medizinischen Geräte (welche, wie beispielsweise unsere Hohlnadeln, in einem komplizierten Verfahren unter Verwendung von Wassermagie gefertigt werden), und Hilfskräfte, welche Patienten transportieren und den Heilern zuarbeiten sollen.

An der Spitze einer jeden Gilde steht ein sogenannter Quárd, welcher der gesamten Hierarchie vorsteht, die Geschicke der Gilde lenkt, und das Verhältnis zu den anderen Quárdi pflegt. Oftmals tragen diese Quárdi noch einen speziellen Titel ihrer Gilde – der Quárd der Heiler-Gilde wird beispielsweise Hoher Heiler genannt, und ist, aufgrund der herausragenden Stellung dieser Gilde von besonderer Bedeutung.

Trotz ihrer Macht sind die Quárdi nicht die Ältesten unseres Volkes; in Zanzara wird diese Bezeichnung seit je her wörtlich genommen, und so finden sich im Rat der Ältesten unserer Stadt nur Wassermenschen, die mindestens hundert Jahre alt sind. Unter den Ältesten gibt es viele Heiler, aber auch angehörige der anderen Gilden finden sich in dieser Runde, und es kommt immer wieder vor, dass ein Quárd einer Gilde das Alter eines Jahrhunderts erreicht und fortan beide Ämter inne hat.

Die Ältesten, von denen es im Augenblick elf gibt, treffen sich in unregelmäßigen Abständen zur Erledigung der Regierungsgeschäfte. Diese Sitzungen sind nicht öffentlich, und da ich – noch – nicht das nötige Alter erreicht habe, kann ich Euch keinen genauen Einblick in die Funktionsweise dieses Gremiums und den Verlauf seiner Treffen geben. Es kommt allerdings oft vor, dass die Quárdi der Gilden von den Ältesten aufgefordert werden, sich ihnen anzuschließen. Zumindest bei jenen Zusammenkünften, bei denen Beschlüsse gefasst werden, ist die Anwesenheit der Quárdi obligatorisch, denn diese sind angehalten, die Entscheidungen der Ältesten zu berücksichtigen und deren Wünsche mit Hilfe ihrer Gilden umzusetzen. Aus Gesprächen mit dem Quárd meiner Gilde, meinem geschätzten Kollegen Zárrad Zoyar – dem Dekan der Universität, und wie Ihr ein prominenter Zweifler an der Theorie der Drachenkriege – weiß ich, dass sich die Ältesten bei ihren Entscheidungen durchaus auf den Rat der Gilden verlassen, und dass der Hohe Heiler, ob er nun ein Ältester oder lediglich ein Quárd ist, einen besonders großen Einfluss in der Regierung besitzt.

Wie Ihr, werte Lathra, meinem Schreiben entnehmen könnt, ist das politische und ökonomische System Zanzaras bei weitem nicht so ausgefeilt und komplex wie jenes, welches wir in Lichtburg antreffen. Dies mag der relativ bescheidenen Größe meiner Stadt geschuldet sein, die mit knapp 40.000 Einwohnern nur etwa halb so bevölkerungsreich ist wie Lichtburg, ihrer Entfernung zur Hauptstadt, oder der Tatsache, dass Zanzara nie bestrebt war, seine Herrschaft über die Stadt hinaus auszuweiten, und dementsprechend keine Strukturen und Organisationen wie die Lichtbank, das Wetterprogramm, oder auch nur einen Militärapparat entwickeln musste.

Auch will ich Euch die Tatsache nicht verschweigen, dass der Lauf der Geschichte nicht spurlos an Zanzara vorbeigegangen ist, und dass vor allem die junge Generation heute sich schwerer mit unseren Gebräuchen abfindet und manchmal einer Lebens- und Wirtschaftsweise nacheifert, die man an Land findet, was viele Probleme mit sich bringt. In bestimmten Gegenden unserer Stadt hat sich in den letzten Jahren eine Schattenwirtschaft herausgebildet, in der Güter wie alkoholische Getränke oder Tabak gegen Münzen getauscht werden, welche heimlich entgegengenommen wurden. Um derartige Dinge kaufen zu können, kommt es vor, dass Angestellte der Klinik von Patienten Geldgeschenke annehmen – bisweilen sogar einfordern – oder Händler einen Teil ihres Gewinns für sich abzweigen.

Manchmal frage ich mich, ob die wenigen Luxusgüter, die uns die Seefahrer beschaffen, und für die wir das Geld und den ständigen Austausch mit dem Festland benötigen, das alles wert sind. Doch dann … als Historiker weiß ich, dass es in allen Zeiten Sachverhalte gab, die den Menschen als Zumutung erschienen sein mussten, und dass die Probleme, denen sich Zanzara momentan gegenübersieht, sich im Rückblick als unbedeutend herausstellen werden, so wie es auch für viele Situationen in der Vergangenheit der Fall war. Und was kann ich mich schon beklagen, wo ich Euch, verehrte Lathra, diesen Brief auf importierten Papier statt auf getrockneter Fischhaut schreibe, und zu denen gehöre, die von der Offenheit Zanzaras gegenüber den anderen Völkern für den Handel, aber natürlich auch für die Wissenschaft, am meisten profitieren?

Die Lebensweise des Wasservolks, unsere Wirtschaftsweise, das System der Gilden, und die Tradition des Heilens – insgesamt funktionieren sie, und das schon seit langer Zeit, und in einer Weise, die Zanzara stets einen Weiterbestand in Wohlstand und Sicherheit garantiert hat. Ich wünschte wirklich, ich hätte eine Möglichkeit gefunden, Euch dies alles nicht nur zu beschreiben, sondern zu zeigen, wie Ihr mir Eure Stadt Lichtburg von Eurer Sänfte aus gezeigt habt. Doch vielleicht findet sich irgendwann ein Weg, das zu bewerkstelligen.

Bis dahin hoffe ich, dass zumindest die politische Lage es Euch und mir erlauben wird, uns nächstes Jahr wieder in der Hauptstadt zu treffen – eine Reise, auf die ich mich bereits jetzt schon sehr freue, so wir doch bis dahin viele neue Erkenntnisse zusammengetragen haben werden, die mit Euch zu diskutieren mir immer eine Ehre ist.

Ich wünsche euch eine angenehme Zeit, Erfolg bei Euren Projekten, und viel Glück in der Politik, der Ihr Euch weiterhin mit so großer Hingabe widmet. Bis zu unserem Wiedersehen verbleibe ich mit höchster Hochachtung und Anerkennung.

Möge das Leben Euch helfende Hände schenken und Euch die Möglichkeit geben, Eurerseits eine helfende Hand zu reichen.

Questus Quill

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.