Worldbuilding & Recherche

Worldbuilding & Recherche

Fantasy muss realistisch sein.

Über diesen Satz wird vielleicht der ein oder andere die Nase rümpfen. Ich, für meinen Teil, finde ihn sehr wichtig. Gerade im Bereich High Fantasy geht es darum neue, nicht existente, Welten zum Leben zu erwecken.

Jede Fantasygeschichte spielt im Rahmen einer nicht realen Welt (Urban Fantasy einmal ausgenommen). Die Charaktere handeln in dieser Welt, treffen ihre Entscheidungen anhand der Erfahrungen, die sie in dieser Welt machen mussten und interagieren mit anderen Bewohnern, die vielleicht ganz andere Erfahrungen gemacht haben.

Wenn aber der Rahmen schief ist, wirkt alles was darin passiert ebenfalls unstimmig. Genau deswegen ist es wichtig, dass eine Fantasywelt realistisch ist. Das bedeutet, sie muss Sinn machen, logisch sein und nachvollziehbar. Erst dadurch erhalten die Geschichte und die Charaktere Tiefe.

Wenn der Rahmen passt, wirken in jedem Fall die Entscheidungen der Charaktere, die Vorkommnisse und auch die Nebenhandlungen viel tiefer, sinnvoller, nachvollziehbar … und eben auch realistischer.

Als Beispiel begleiten wir Händler Ix durch Landia.

Ix reist mit seinem Karren, der von dem Pony Pferd gezogen wird. Er ist Händler und verkauft Waren auf den Märkten verschiedener Ortschaften. Etwas, das seinen Alltag maßgeblich bestimmt, ist das Wetter.

Für Ixs Geschichte spielt es eine Rolle, in was für einer Klimazone Landia liegt. Zieht Ix durch Regenwald oder Wüsten? Regnet es viel oder wenig? Ist es warm oder kalt? Wechselt das Wetter mit der Tageszeit oder den Jahreszeiten?

Ix zog sich seinen Mantel enger um die Schultern und die Kapuze weiter ins Gesicht. Es regnete. Pferd schüttelte sich Wasser aus der Mähne. Seine Hufe schleiften durch Matsch. Ix würde sie am Abend ordentlich säubern müssen, damit Pferd keine Hufrehe bekommen würde … Zum Glück wurde es mittlerweile wärmer und der Regen ließ nach.

Ix zieht in wärmere, trockenere Gefilde oder die Jahreszeit ändert sich.
Wie weit ist er unterwegs? Und wie lange?
Realistische Zeitangaben bei Reisen werden oft vernachlässigt. Nutzt Google Maps. Einfach über den Daumen peilen, wie weit die Entfernungen in der Geschichte sind und die Strecke entsprechend nachsehen. Google gibt die Reisezeiten an. Dabei nicht vergessen, 20 km zu Fuß an einem Tag sind schon sportlich!

Was für geographische Hürden muss Ix auf seinem Weg überwinden? Gebirge? Wälder? (Welche Art Wälder? Das hängt von den Klimazonen ab.) Gewässer? Auch hier kann sich das Wetter ändern … und es beeinflusst die Reisezeit.

Ix war bisher durch Mischwald gereist. Tannen und Eichen säumten seinen Weg. Nun wurde das Unterholz dichter. Licht und Regen fanden bis auf den Boden des Waldes. Ix tätschelte Pferds Hals. Noch waren sie nicht am Ziel.

Für das Worldbuilding braucht es Recherche.
Grundlagen zu Geographie und Klima findet man im Internet. Google Maps ist auch eine große Hilfe.

Wolken1
Wordbuilding und Recherche machen eine Fantasywelt greifbarer und realistischer.

Händler Ix und sein Pony Pferd traten aus dem Schatten des Waldes auf eine sonnenbeschienene Anhöhe. Ix streckte die Nase ins Licht und fühlte die Wärme auf den Wangen. Endlich waren sie an ihrem Ziel angekommen. In der Senke vor ihnen schmiegte sich eine Stadt in die Kurve eines Flusses. Hier konnte er Geschäfte machen.

Das Klima hat nicht nur Auswirkungen auf wilde Pflanzen und Tiere, sondern auch darauf, ob und welcher Ackerbau betrieben werden kann. Oder Tierzucht?
Natürliche Rohstoffvorkommen und die Möglichkeiten der Produktproduktion bestimmen Import/Export eines Landes. Gibt es einen Kontakt mit anderen (freundlich gesinnten) Ländern? Gibt es Diplomatie? Wie sind die Beziehungen zwischen diesen Ländern? Gibt es Probleme, Kriege?

Die Stadt vor ihm bestand zum Großteil aus Holzhäusern. Ix warf einen kurzen Blick über die Schulter, zurück zum Wald. Holz gab es in Landia zu genüge. Bei den Bergvölkern nicht. Ständig überfielen sie Dörfer an den Grenzen. Am Fuße der Berge war man seines Lebens nicht sicher. Deswegen hielt Ix sich von dort fern.

Viele Städte liegen an Gewässern, also in Tälern und Senken. Dies bietet zum einen die Möglichkeit, Waren zu transportieren, und zum anderen frisches (sauberes?) Wasser.
Je nach den technischen Möglichkeiten einer Fantasy-Welt, wird Wasser genutzt um z.B. Mühlräder, Sägen, Fließbänder zu bewegen.
Zudem kann es den Boden für den Ackerbau beeinflussen. Gibt es Hochwasser? Ein Bewässerungssystem?
Auch Gewässer sind ein Wirtschaftsfaktor!

Wenn man weiß, wie die Grundbedürfnisse der Anwohner befriedigt werden (Nahrung, Wasser, Wohnraum, Arbeit), kann man auch bestimmen, wie groß eine Siedlung ist.

Ix und Pferd traten durch einen Torbogen. Pferd warf den Kopf in den Nacken und zuckte mit den Ohren. Es war einiges los auf den Straßen. Heute war Markttag.

Ix hatte seine Waren säuberlich auf der Decke ausgebreitet. Er rutschte die schön gemaserte Holzschüssel zurecht und war dann zufrieden mit seiner Auslage. Der Markt konnte beginnen.

Ein Markt, wie schön. Wenn man so ein Setting beschreibt, kann man viel über die Einheimischen, deren Berufe und ihre Gewohnheiten erzählen. Märkte sind eine super Sache, wenn man worldbuilding-technisch auf den Putz hauen möchte.
Märkte, Basare, Markthallen. Das gibt es überall. Man kann kaufen, verkaufen, Dienstleistungen anbieten. Es gibt viel zu bestaunen und zu tratschen.
Was für Waren werden angeboten? Fisch macht zum Beispiel nur in der Nähe eines Gewässers Sinn, außer es gibt eine Möglichkeit zur Kühlung.
Außerdem kann man über das Wirtschaftssystem schreiben.
Schauen wir doch mal, was Ix so treibt.

»Ich tausche die Schüssel gegen den Sack Kohle.« Ix hielt die Schüssel ins Licht, sodass die Maserung zur Geltung kam.
»Wie bitte?« Der Kunde sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Ihr Nordländer seid doch größenwahnsinnig!«, schnaubte er und ging kopfschüttelnd seiner Wege.

Ix führt also einen Tauschhandel. Vielleicht gibt es in Landia keine Währung, oder keine einheitliche Währung. Wenn man Münzen in seinem Setting verwendet, sollte man sich kurz Gedanken machen, woher diese kommen. Gibt es eine zentrale Produktion? Sind die Münzen genormt? Geprägt? Oder ist jede Region selbst verantwortlich und die Währungen unterscheiden sich? Wie rechnet man diese dann um? Der Wert der verschiedenen Waren kann regional verschieden sein. So kann Ixs Holzschüssel in der Wüste ein Vermögen wert sein, und in einem Wald nichts.

Zur Recherche kann man sich Marktszenen aus beinahe allen Epochen auf Gemälden ansehen. Oder man geht im Urlaub auf einen Markt. Man kann seinen Frühstückskaffee auch einfach mal auf dem Bauernmarkt um die Ecke genießen, um echte Marktluft zu schnuppern.

Eine Marktszene bietet sich auch an, wenn man die Gesellschaft darstellen möchte, weil so viel Interaktion stattfindet.

Mit Hilfe der Gespräche, den Verhandlungen oder an der Art, wie ein potentieller Kunde an einem Stand vorbeigeht, kann man zeigen, wie Menschen zueinander stehen. Wenn sie sich mögen, tratschen sie, wenn nicht beäugen sie sich nur misstrauisch oder streiten sogar.

Auf einem Markt kann man auch sehr gut auf Standes- und Bildungsunterschiede eingehen. (Kauf-)Verhalten, Kommunikationsfähigkeit, Aussehen und Kleidung geben über diese Dinge Aufschluss.

Können die Menschen in eurer Welt eigentlich alle lesen und schreiben? Woher können sie das? Das ist etwas, das gerne übersehen wird, aber Bücher sind teuer (nicht vergessen, der Buchdruck leitete das Ende des Mittelalters ein) und arme Leute hatten i.d.R keine und konnten deswegen auch nicht lesen lernen. Auch das kann eure Charaktere maßgeblich beeinflussen. Ix, zum Beispiel, kann nicht lesen …

Es war an der Zeit, wieder aufzubrechen. Ix führte Pferd grummelnd aus der Stadt. Diese verdammten Hinterwäldler wollten einfach nichts bei ihm kaufen. Er kam an einem Plakat vorbei. Es zeigte einen abgeschlagenen Kerl mit einer Narbe auf einer Gesichtshälfte und einer Augenklappe auf der anderen. Dem wollte er lieber nicht begegnen. Ix verließ die Stadt auf der Straße Richtung Osten.

Hätte Ix lesen können, was auf dem Plakat steht, hätte er vielleicht einen anderen Weg genommen, oder eine Waffe griffbereit. So weiß er aber nicht, dass er sich genau auf dem Weg befindet, auf dem der düstere Geselle von dem Plakat sein Unwesen treibt. Er konnte nur sehen, dass der Kerl gruselig aussieht und läuft vielleicht blindlings ins Verderben.

Eine stimmige Welt macht es einfacher die Charaktere der Geschichte konsistent handeln zu lassen.

Worldbuilding lässt eure Welt greifbarer werden und es hilft euch zu entscheiden, wie eure Charaktere interagieren und reagieren auf all die Probleme, die ihr ihnen entgegenwerft. Es macht also Sinn, sich dazu ein paar Gedanken zu machen.

Man muss es ja nicht so übertreiben, wie ich.

Zum Schluss wird es dann so richtig lustig!
Denn all die Details unserer Welt, die wir bisher erdacht haben, sollen am Ende zusammenspielen. Und zwar nicht nur untereinander, nein, hier geht es schließlich um Fantasy. Mit den realitätsnahen Details verflechten wir zu guter Letzt noch Magie, Fabelwesen, Dämonen usw.

Wie beeinflussen sich das Setting, die Gesellschaft, die Politik, die Geschichte und die Wirtschaft eures Landes gegenseitig? Welche Auswirkungen hat es auf den Alltag? Und auf die Charaktere, um die es in der Geschichte geht?
Wie beeinflusst die Magie eurer Welt die Politik des Landes, den Handel, Reisen, das Bildungssystem, Religion …?
Müssen die Machthabenden in eurer Welt Magier sein? Oder ist die Regierung von der Magie völlig getrennt? Gehören Religion und Magie zusammen? Gibt es spezielle Schulen für Magie oder sozusagen Gesamtschulen? Welche Stellung haben Magier? Sind sie Gelehrte? Angesehen? Verfolgt? Aussätzige?
Wie werden diese Dinge durch die anderen Besonderheiten eures Fantasysettings beeinflusst? Durch Fabelwesen oder durch körperliche Besonderheiten von magischen Wesen? …

Am Ende entscheidet natürlich die Art eurer Geschichte über die Tiefe des Worldbuildings und der Recherche.
Denn klar ist auch: Nur ein ganz kleiner Teil des angehäuften Wissens findet tatsächlich seinen Weg in den fertigen Fantasyroman.
Wichtig ist aber nicht nur das, was schließlich für den Leser zu lesen ist, sondern oder ganz besonders der Teil, der nur für den Autor existiert. Das ist es nämlich, was die Geschichte am Ende konsistent und glaubhaft macht. Dank dieses Wissens werden eure Charaktere innerhalb des Settings folgerichtige Entscheidungen treffen und eure Fantasygeschichte wird tatsächlich, ja, realistisch!

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