Zrambat in Bilguhr – Eine Weihnachtsgeschichte

Zrambat in Bilguhr – Eine Weihnachtsgeschichte

»Ich mach dich kalt!« Derk holte weit aus und schleuderte den Schneeball in Squans Richtung. Der drehte sich weg. Hinter ihm knallte das Wurfgeschoss gegen die Bretterwand.

Er lachte Derk aus. „War das etwa ein Wortwitz?“

Derk hielt sich nicht mit einer Antwort auf. Von einer Mauer kratzte er im Laufen Schnee zusammen und formte eine Kugel. Er rannte brüllend auf ihn zu. Squan bückte sich schnell und wühlte mit den nackten Fingern durch den Neuschnee. Ein Knirschen an seiner Seite warnte ihn. Bevor er den Kopf heben konnte, knallte Derk in seine Seite und warf ihn um, mitten hinein in den Tiefschnee. Derk warf sich auf ihn und drückte Squans Kopf in die Kälte. »Kein Witz. Eine Prophezeiung.« Der Schneeball aus Derks Händen landete auf seinem Hinterkopf.

Squan zappelte mit den Armen und Beine, während Derk ihn spielend leicht am Boden hielt. »In Ordnung«, nuschelte Squan in den Schnee und hielt still. »Ich ergebe mich.«

Derks Gewicht verschwand von seinem Rücken. Squan hievte sich auf ins Sitzen und spuckte Schnee aus. Mit steifgefrorenen Fingern wischte er den Schnee von seiner Kleidung und zog den fadenscheinigen Mantel enger. Zu spät. Der kalte Wind kroch unter seine Kleider, sogar an den Stellen, an denen sie nicht löchrig oder durchgewetzt waren. Scheißkalt. Böse schielte er in Derks Richtung. Der stand mit verschränkten Armen über ihm und grinste breit.

»Gewonnen«, stellte er das Offensichtliche fest, »also feiern wir Zrambat wie jedes Jahr. In der Taverne und nehmen Zuldin aus.«

»Üblicherweise nimmt Zuldin uns aus.« Squan stand auf und klopfte sich den restlichen Schnee von der Hose. Schon wieder rieselten graue Schneeflocken vom Himmel. In Bilguhr war eigentlich alles grau. Die Öfen der Eisenhütten fraßen das Grün des Waldes und ihr Rauch verdeckte den Himmel an jedem einzelnen beschissenen Tag.

Squan rieb sich die Arme warm. »Ich fände es besser, wenn wir einfach für uns feiern. Wir könnten Essen besorgen und auch Dinya einladen, wenn du willst.«

Derk verdrehte die Augen. »Ein Fest feiern … Du Träumer. Das können wir uns gar nicht leisten.« Derk nahm seinen Wollschal ab und warf ihn Squan ins Gesicht. »Nimm, bevor du erfrierst. Bist pitschnass.« Squan nahm den Schal und hing dabei dem Gedanken an ein bequemes Fest im Kreis seiner Freunde nach. Derk hatte recht. Dafür hatten sie kein Geld. Das würde er aber nie im Leben zugeben. Er wich Derks selbstgefälliger Miene aus.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Squan etwas knallrotes. Ein extremer Kontrast zum ansonsten eintönigen Grau der Straße. Squan drehte den Kopf in diese Richtung und bemerkte einen Feuerzwerg in einem auffälligen, bestickten Mantel. »Der kann sich sowas sicher leisten. Schau dir den Mantel an.« Ein kalter Windstoß ließ Squan zittern und er musste an sich halten, um nicht mit den Zähnen zu klappern. Derk hauchte sich in die Hände und steckte sie tief in seine Taschen. Der Zwerg ging mit unsicheren Schritten an dem umzäunten Hinterhof vorbei, in dem die beiden standen. Er sah sich suchend um.

»Der hat sich wohl verlaufen.«

»Und so wie es aussieht, hat er keine Ahnung, in was für einem Viertel er gelandet ist.« Derk zog den Mundwinkel hoch. Mit der Faust schlug er Squan auf die Schulter und sah ihn erwartungsvoll von der Seite an. »Jemand sollte ihn warnen.« Derk blinzelte ihm zu.

»Schon unterwegs.« Squan rannte im Schatten um den Hof und sprang geschickt über den Zaun, dann folgte er dem Mann leise, bis er direkt hinter ihm stand. Der Zwerg versuchte gerade ein Straßenschild mit einem Tuch vom Ruß zu befreien.

Squan räusperte sich. Der Kerl fuhr zusammen. Er drehte sich zu ihm um und legte den Kopf in den Nacken, um Squan ins Gesicht sehen zu können. Sein Mantel flatterte ihm dabei um die Beine. Dies offenbarte einen mit Steinen besetzten Dolchgriff und ein kleines Säckchen am Gürtel. Squan verkniff sich ein Grinsen und tarnte es mit einem freundlichen Lächeln. »Ihr seht aus, als könntet Ihr Hilfe gebrauchen.«

»Oh, den Göttern sei Dank. In der Tat. Könntet Ihr mir vielleicht verraten, wie ich in das Geschäftsviertel komme?«

»Selbstverständlich.« Squan trat neben ihn und legte ihm den Arm um die Schultern. So drehte Squan den Mann in die richtige Richtung. Der Zwerg keuchte überrascht, ließ sich aber führen. »Seht Ihr die Kreuzung dort hinten?« Squan deutete dorthin. Der Feuerzwerg nickte zögerlich. »Da müsst ihr nach rechts.«

»Ich danke Euch, junger Mann. Sehr freundlich.«

»Nichts zu danken.« Squan tätschelte ihm zur Ablenkung die Schulter und sah ihm dann nach, wie er in den Gassen Bilguhrs verschwand. Erst als er endgültig weg war, rannte er zurück zu Derk.

»Und?«, wollte der sofort wissen.

Squan grinste über beide Ohren und warf das erbeutete Säckchen in die Höhe. Derk fischte es geschickte aus der Luft. »Fühlt sich leicht an.«

»Schau rein.«

Derk band die Schnürung auf und kippte sich den Inhalt in die Handfläche. Er schnappte nach Luft. »Bei Luxurios, das is ein verdammter Goldener!« Schnell steckte er die Münze wieder in das unauffällige Säckchen und machte Anstalten, es Squan zurückzugeben.

»Behalt ihn«, sagte der.

Derk erstarrte. »Hast du noch alle?«

Squan musterte seinen Freund. Die dunklen Ringe um seine Augen wurden seit einigen Wochen immer tiefer. Seine Stirn lag ständig in Falten. Sorgenfalten. »Nimm es für Dinya und geh endlich mit ihr zum Heiler.«

»Wir brauchen keine Almosen, Mann.« Er hielt ihm den Beutel vor die Nase.

Squan schob Derks Hand weg. »Geht es ihr besser?« Die Antwort auf diese Frage kannte er bereits, sie stand in Derks Gesicht geschrieben.

Derk wich seinem Blick aus. Er pulte sich mit der Zunge in den Zähnen. »Nicht wirklich. Aber sie arbeitet wieder.«

»Die alte Vettel aus dem Glutofen lässt sie in dem Zustand arbeiten?«

»Sie verliert sonst ihr Zimmer.« Derk betrachtete seine Füße und zuckte mit den Schultern.

»Dann nimm die scheiß Münze.«

»Nein … aber weißt du was?« Jetzt hob Derk den Kopf. »Damit können wir Zrambat feiern. Ein richtiges Fest, mit Essen und Geschenken. Das würde auch Dinya aufmuntern.«

Squan wäre es lieber, Derk würde damit den Heiler bezahlen. Trotzdem nickte er. »Gut.« Er nahm den Beutel. »Ich organisiere alles. Du bringst am Abend Dinya in unser Versteck.« Squan holte die Münze noch einmal hervor. Sie glänzte golden und vertrieb damit ein wenig das allgegenwärtige Grau. Mit dem Finger fuhr er das Wappen Lichtburgs darauf nach. Ein Goldener für ein richtiges Zrambat.


Derk verschwand in Richtung des Glutofens zu Dinya. Die Goldmünze in Squans Hand wog schwerer, mit jedem Schritt, den sein Freund sich weiter entfernte. Möglichst unauffällig drehte Squan den Kopf in alle Richtungen und spähte in die Schatten. Vielleicht stank Geld nicht, aber in dieser Gegend gab es genug großnasige Gestalten, die Witterung aufnehmen könnten. Schnell schob er den Goldenen in den Stoffbeutel. Diesen wog er mit der Hand. Wo würde ein Taschendieb ihn nie im Leben erwischen? Mit einem schiefen Grinsen warf er den Beutel in die Luft und fing ihn wieder auf. Squan wusste genau, wo selbst die geschicktesten Hände ihren Weg nicht hinfanden. Kurzerhand schlüpfte er aus dem Stiefel und legte den Beutel hinein, bevor er den Schuh wieder anzog. Er atmete erleichtert aus, dort unten spürte er das Gewicht der Münze kaum noch.

Beschwingt ging er los in Richtung Stadtzentrum. Was brauchte er für ein ordentliches Zrambat? Ein Festessen und Gewürzwein, viel Gewürzwein. Mit einem Goldenen in der Tasche … im Stiefel … sollte das kein Problem sein.

Zudem musste er Geschenke besorgen. Was könnte er Derk schenken? Derk brauchte eigentlich nur eines, Dinya. Diese benötigte in erster Linie einen Heiler. Einen magischen Heiler, keinen Kräuterpantscher der Erdmenschen. In Bilguhr gab es nur einen einzigen richtigen Heiler und der lebte nicht nach den Traditionen des Wasservolkes. Er nahm nur Münzen als Bezahlung und das nicht zu knapp. Der Goldene presste sich unangenehm in Squans Fußsohle.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte die Straßen entlang. Die engen Gassen Bilguhrs bildeten ein Labyrinth aus Steinmauern. Von Wäscheleinen überspannt und angefüllt mit Rauch, Nebel und miesepetrigen Gestalten. Geschickt zwängte er sich hindurch, ohne weiter darauf zu achten.

Squan wackelte mit den Zehen in den Stiefeln und schob den Goldenen dabei in eine bequemere Position. Essen und Getränke konnte man auch ohne Münzen bekommen. Das war riskant und könnte ordentlich in die Hose gehen, falls er nicht nur eine bescheidene Menge für sich alleine stehlen wollte. Allerdings, wenn er auf dem Markt keine Münzen benötigte, könnte er den Goldenen sparen und Dinya und Derk schenken. Das wären keine Almosen, sogar Derk müsste das einsehen.

Squan rieb sich die Hände und hauchte hinein. Vor seinem geistigen Auge erschien ein Bild des kommenden Zrambat-Abends. Ihr Versteck getaucht in warmen Kerzenschein. Ein frischer Laib Brot auf dem Tisch, der Duft von geräuchertem Speck und zum Nachtisch: Apfelkuchen. Sofort wurde ihm wärmer. Sein Magen knurrte. Mit einem Lächeln im Gesicht ging er weiter zum Markt. Der Goldene schmiegte sich dabei an seine Zehen.

Squan pfiff ein Lied, das ihm gerade in den Sinn kam, und er legte den Kopf in den Nacken. Hin und wieder konnte er einen Streifen blauen Himmel durch den schwarzen Rauch erkennen.

Ein Hieb in seine Seite trieb ihm die Luft aus den Lungen und riss ihn aus seinen Gedanken. Der Mann, in den er hineingerannt war, fluchte übel und stieß Squan grob weg. Er verlor das Gleichgewicht und krachte mit dem Rücken gegen eine Steinwand.

»Du«, rief derjenige aus. Squan erkannte seine Stimme. Verdammt. Mit den Armen stemmte er sich von der Mauer weg und machte Anstalten, zu verschwinden.

Zuldin baute sich mitten im Weg auf und streckte sich in die Höhe. »Du kleiner Scheißer, schuldest mir noch Geld.« Er grapschte mit seiner fleischigen Hand nach Squans Kragen. Daran zerrte der Zwerg sein Gesicht zu sich herunter. Sein Atem roch nach Schwefel.

Squan rümpfte die Nase. »Kann gar nicht sein, Zuldin. Ich bin dir noch nie was schuldig geblieben.« Er versuchte, ihn versöhnlich anzugrinsen. Das war nicht einmal eine Lüge, wenn man die paar Mal nicht mitzählte, an denen der Alkohol Squans Erinnerungen weggespült hatte.

Zuldin schnaubte und zog weiter an Squans Hemd. »Und was war das, letzte Woche?«, knurrte er ihn durch die zusammengebissenen Zähne an.

Zuldin stieg Rauch aus den Ohren. Dämlicher Glutkopf. Squan erinnerte sich nur an einen Morgen mit pochendem Schädel und an Derks Kopfschütteln, nachdem er sich aus dem Bett gequält hatte.

»Ach ja, …« Irgendwie musste er Zeit schinden und sich etwas einfallen lassen. Squan setzte ein unschuldiges Lächeln auf. »Ich dachte, das wäre dein Zrambat Geschenk für mich gewesen.«

»Zrambat!« Zuldin spuckte aus und hob die freie Hand mit seiner Keule in Squans Sichtfeld. »Dir geb ich gleich ein Geschenk.«

Squan schnappte nach Luft und warf die Hände schützend vor sein Gesicht. Nicht schnell genug. Er schaffte es nur noch, die Augen fest zusammenzupressen. Der Schmerz explodierte an seiner Schläfe.


Dröhnende Kopfschmerzen nach dem Aufwachen waren nichts Neues für Squan. Die Beule an seinem Schädel schon. Ach, Unsinn. Selbst das kam vor. Der einzig wahre Unterschied zu einer durchzechten Nacht bestand in dem kalten und ekelerregend feuchten Steinboden, auf dem er lag. Squan tastete mit der flachen Hand die rundgetretenen Steine ab. In den Fugen sammelte sich irgendwas Klebriges. Bei Spees, hoffentlich war das kein Blut. Ganz vorsichtig wagte er zu blinzeln. Diesiges Licht offenbarte einen quadratischen Raum voller Kisten und Fässer. Das Klebrige unter seinen Fingern war rot. Squan schreckte hoch. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er seine verschmierte Hand an. Langsam tastete er nach der Beule an seinem Kopf. Sie schmerzte, aber von dort kam das Blut nicht. Er sah an sich herab und schnappte nach Luft. Das Zeug verklebte auch seine Kleidung. Der Geruch von billigem Wein stieg ihm in die Nase. Rotwein, kein Blut. Squan keuchte erleichtert. Das Zeug quoll aus einem undichten Fass, direkt neben ihm. Plumpsend fiel er zurück auf den Rücken und fasste sich an die Stirn. Unverletzt. Er würde ja behaupten, nochmal Glück gehabt zu haben, so optimistisch war er aber dann doch nicht. Schnaubend sah er sich um.

Squan befand sich in einem Lagerraum. Von irgendwo fand Tageslicht in hellen Streifen seinen Weg herein. Glitzernder Staub tanzte über ihm zum dröhnenden Bass in seinem Schädel. Neben dem Wein roch er Schwefel.

Zuldin und seinem besten Freund, der Keule, verdankte er die Beule. Soweit erinnerte er sich. Und noch etwas. Squan kannte diesen Keller. Zähneknirschend stand er auf und ging in die Richtung, aus der das Tageslicht kam. Dieser Lagerraum gehörte zum Clanhaus der Khazuxa. Er fluchte auf die verdammten Zwerge. Verscherzte man es sich mit einem, hatte man den ganzen Clan an der Backe. Aber zumindest waren sie nicht besonders einfallsreich, was ihre Kerker anging. Das Tageslicht quoll hinter einer Kiste, direkt unter der Zimmerdecke, hervor. Squan kletterte auf ein Fass und schob diese beiseite. Dahinter hing ein fleckiges Laken vor einem Lüftungsschacht. Es versteckte den Schacht nicht zur Gänze. An den Rändern drängelte sich das Licht vorbei und sickerte hinab in den Keller. Das hier hatte ihm schon beim letzten Mal als Fluchtweg gedient. Entweder war der komplette Clan absolut dämlich oder Zuldin genoss es, ihn zu jagen, zu vermöbeln und hier unten in den Schmutz zu stoßen. Nur um ihn danach wieder zu jagen, zu vermöbeln und so weiter.

Squan tastete mit den Zehen im Stiefel nach dem tröstlichen Druck der Goldmünze. Gleichzeitig sah er sich noch einmal um und kontrollierte die Tür. Niemand zu sehen, niemand zu hören. Gut, so würde ihm nicht gleich jemand Feuer unterm Hintern machen. Mit einem Ruck riss er das Laken vor dem Schacht weg. Das Tageslicht blendete ihn und Squan wandte den Blick ab. Er brauchte eine Sekunde, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen und das Pochen in seinem Kopf zu verdrängen. Dann holte er tief Luft und sprang mit erhobenen Armen in den Luftschacht. Mit den Fingern bekam er die Kante zu fassen und zog sich hoch. Squan strampelte vorwärts, bis seine Füße Halt fanden. Die Finger krallte er in den gefrorenen Boden und kämpfte sich stöhnend aus dem Loch ins Freie. Dort hievte er sich auf und klopfte die Hände ab.

Er stand in einer Gasse hinter dem Anwesen des Clans. Und er stand nicht alleine vor dem Lüftungsschacht. Zuldin gaffte ihn mit runtergefallener Kinnlade an. Er hielt ein breites Holzbrett und einen Hammer in den Händen. Anscheinend wusste der Clan doch von Squans Privatausgang.

Er wartete nicht darauf, bis Zuldin aus seiner Starre erwachte, sondern warf sich dem Feuerzwerg direkt in die Arme, gegen das Holzbrett. Der Schwung riss sie beide um und sie landeten im Schneematsch. Zuldin fluchte und versuchte Squan mit dem Brett hochzudrücken. Mit gefletschten Zähnen zappelte der Zwerg darunter herum. Squan sprang sofort wieder auf und über den Zwerg hinweg. So schnell er konnte, sprintete er die Gasse entlang.

Zuldin brüllte ihm hinterher. Squan drehte sich nicht noch einmal nach ihm um. Hätte er besser tun sollen. Ein harter Schlag in die Kniekehlen brachte ihn zu Fall. Mit dem Gesicht voraus, schrammte er über den Boden. Ohne darauf zu achten, rappelte Squan sich auf. Neben seinen Füßen lag das Brett, das Zuldin anscheinend nach ihm geworfen hatte. Squan griff danach und hielt es sich gerade rechtzeitig vor das Gesicht. Ein glutheißer Feuerball schlug darauf ein. Funken sprühten. Das erste Mal seit Stunden wurden seine Finger warm. Vor Schreck hüpfte Squan einen Schritt zurück. Schon explodierte die nächste Flammenkugel an der Stelle, an der er eben noch gestanden hatte. Verdammte Feuermagier.

Zuldin kochte vor Wut.

»Túnth! Dieses Mal bist du fällig«, brüllte der Zwerg. Squan lugte über das Brett. In Zuldins Handfläche bildete sich schon wieder Feuer. Sein Kopf glühte damit um die Wette. »Ich verarbeite dich zu Dörrfleisch!«

Igitt, Dörrfleisch. Squan würde zumindest für einen ordentlichen Räucherschinken taugen.

Solange der Zwerg mit Sprücheklopfen beschäftigt war, drehte Squan sich um und rannte weiter die Gasse entlang. Das Brett hielt er wie einen Schild über den Kopf. Glut und Funken folgten ihm, ebenso wie Zuldins Geschrei. In rotgleißenden Schwaden leckten Flammen über die Mauern und den Steinboden. Squan erreichte die Hauptstraße und bog ab. Hinter ihm züngelten Feuerzungen aus der Gasse. Zuldin war ihm dicht auf den Fersen. Die Hitze versenkte Squan bereits die Haare im Nacken. Er roch Rauch und warf einen Blick über die Schulter. Zuldin sprühte immer noch Funken und war mittlerweile nicht mehr alleine. Squan schluckte und rannte schneller. Auf den vereisten Pflastersteinen kam er ins Rutschen. Geradeso schaffte er es, das Gleichgewicht zu halten. Die steil abfallende Straße brachte ihn auf eine Idee.

In der Mitte der Straße, dort wo sich normalerweise der Abfluss befand, lag Schnee. Ohne weiter darüber zu grübeln, warf er das Brett in die Rinne auf den grauen Pulverschnee und schmiss sich gleich hinterher. Bäuchlings landete er auf dem Holz und schob es mit dem Schwung seines Sprungs an. Viel zu schnell kam Squan in Fahrt. Mit den Füßen versuchte er sich in der Spur zu halten und mit den Fingern klammerte er sich am Holz fest. Zuldins Stimme donnerte hinter ihm und noch einmal schossen Flammen über ihn hinweg. Funken regneten aus dem Himmel. Dann konnte Squan nur noch das Scharren des Brettes über den Schnee und das Pfeifen des Windes hören. Immer lauter und lauter. Schnee und Eis spritzten ihm entgegen, schnitten ihm mit klirrenden Klingen in die Wangen. Das nahm ihm die Sicht. Passanten kreischten, sobald Squan an ihnen vorbeischoss. Ohne Kontrolle schlitterte er die Rinne entlang, blind und beinahe taub vom Fahrtwind.

Eine dunkle Linie schälte sich aus dem schneidend weißen Sprühnebel. Squan blinzelte sich Eiskristalle aus den Augen. Bei Spees, er schlitterte direkt auf einen aus dem Schnee ragenden Pflasterstein zu. Bevor er auch nur einatmen konnte, raste er gegen die Kante. Sein provisorischer Schlitten verhakte sich. Das Brett bäumte sich auf und schleuderte ihn in hohem Bogen durch die Luft. Er hörte sich selbst schreien. Krachend landete er in einer Schneewehe.

Der Aufschlag trieb ihm die Luft aus den Lungen und kleine bunte Feuerbälle tanzten für einen Augenblick durch sein Blickfeld.

Langsam richtete Squan sich ins Sitzen auf und spuckte Schnee aus. Das war ja gerade nochmal gut gegangen. Grinsend rieb er sich den Nacken. Am Scheitel des Hügels erkannte er Zuldin und seine überhitzten Freunde, die wild gestikulierend versuchten, ihn über die spiegelglatten Pflastersteine einzuholen. In aller Ruhe rappelte er sich auf, winkte der funkensprühenden Meute und verschwand um die nächste Hausecke.

Er tauchte zwischen den Menschen Bilguhrs unter. Mit eingezogenem Kopf marschierte er Richtung Markt. Squan musterte den grauen Himmel. Es war später geworden, als ihm lieb war. Wenn er noch Essen und Getränke besorgen wollte, musste er sich sputen. Squan vergrößerte seine Schritte und ließ sich mit der Menge treiben. Bilguhr war immer voll, selbst an einem Feiertag. Voll Menschen und voll Ruß.

Die Marktstände drängten sich in ein dichtes Netz aus Straßen und Gassen. Baldachine überspannten das Getümmel in den engen Durchgängen und sperrten das kleinste bisschen Tageslicht aus. Fackeln und Kerzen beleuchteten die Szenerie und verpesteten die Luft zusätzlich zum Rauch aus hunderten von Schornsteinen. Squan zog sich Derks Schal über die Nase und raffte den Mantel um sich. Mit den Zehen kontrollierte er den Sitz der Goldmünze in seinem Stiefel. Trotz des Feiertags war die Stimmung wie gewohnt. Rau. Squan schob sich an den Menschen vorbei. Dabei ließ er  die Schultern hängen und vermied direktem Blickkontakt. Soweit möglich, duckte sich unter erhobenen Fäusten hindurch und tänzelte um Ellbogen herum. Er floss mit dem Strom durch die Stände und entzog sich den Blicken der aufmerksamen Standbetreiber.

Schon nach wenigen Minuten versteckte er einen Laib Brot zusammen mit einem Krug Gewürzwein unter seinem weiten Mantel. Für ein richtiges Zrambat benötigte Squan aber dringend noch irgendein Festtagsessen. Speck, Schinken, vielleicht geräucherten Fisch. Irgendetwas in diese Richtung. Er ließ sich von seiner Nase leiten und glitt durch die Menge. Über die rothaarigen Köpfe einiger Feuerzwerge hinweg erkannte er schon von weitem den Stand eines Metzgers. Ein langer Tisch an einer groben Steinmauer. Squan presste sich in eine schattige Nische, nicht weit entfernt, und sondierte die Lage.

Ein korpulenter Erdmann und eine schmächtige Frau bedienten Kundschaft. An einem Ende der Verkaufsfläche stand eine Stadtwache, ebenfalls vom Erdvolk. Na, wunderbar. Ein Zwerg würde den Stand der beiden sicher weniger gut bewachen. Squans Blick glitt über die Auslage. Sein Magen knurrte und er legte die Hand darauf. Immer wenn er hungrig auf den Markt ging, nahm er unnötige Risiken in Kauf. Das behauptete zumindest Derk. Aber was für eine Wahl hatte er schon?

Ein ganz besonderes Stück Schinken zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Farbe, die Maserung des Fleisches. Das war ganz eindeutig ein Bohinda-Schinken. Schinken von Schweinen, die das Glück gehabt hatten, ihr gesamtes Leben mit kostbaren Bohinda-Eicheln gefüttert worden zu sein. Ein Festmahl, nachdem man sich sogar in Lichtburg alle Finger lecken würde. Genau das war es, was man für ein richtiges Zrambat-Fest benötigte. Im Geiste schrieb Squan schon mal seinen Namen auf die köstlich glänzende Haut des Schinkens. Das Stück Fleisch war groß, er konnte es sich also nicht einfach in die Manteltasche schieben. Zudem musste er erst einmal unauffällig in Reichweite kommen und vor allem … wieder weg. Bei den beiden Händlern konnte er abwarten, bis sie einen Kunden bedienten. Die Wache war ein anderes Problem.

Mit den Füßen schob er einen langen Ast hin und her und dachte darüber nach, wie er am besten die Wache loswurde. Irgendwie musste er zu jemandem werden, der von niemandem als Dieb wahrgenommen wurde. Er beobachtete die Menschen, die sich vor dem Stand drängten.

Ha! Natürlich.

Squan bückte sich und griff nach dem Ast. Er riss die seitlich abstehenden Zweige ab und stützte sich kurz darauf. Perfekt. Danach zog er einen Arm ins Innere seines Mantels und verknotete den Ärmel. Den Laib Brot hielt er sich vor den Bauch. Mit der anderen Hand zog er den Schal sorgfältig vor die Nase und setzte sich die Kapuze auf. In gebeugter Haltung kam er aus der Nische und humpelte langsam auf die Wache zu. Bei jedem Schritt stützte er sich auf den Stock und stöhnte laut.

Er hielt den Kopf gesenkt, damit niemand sein Gesicht sehen konnte. Die meisten achteten ohnehin nicht auf ihn. Squan trat vor die Wache und räusperte sich auffällig. »Verzeihung«, sagte er zittrig.

Die Wache reagierte nicht sofort. Squan konnte förmlich fühlen, wie er ihn abschätzig musterte. »Ja?«, fragte der Ochse nach einigen Sekunden gelangweilt. Das Leder seiner Rüstung knarrte, als er die Arme vor der breiten Brust verschränkte. »Da ist so ein junger Kerl, der schleicht schon das dritte Mal am Stand des Metzgers vorbei«, erklärte ihm Squan und versuchte möglichst aufrichtig zu klingen und dabei nicht zu lachen.

»Ach.«

»Da vorne.« Squan hob den Stock und zeigte in irgendeine Richtung. Dabei zitterte er mit der Hand.

»Ich kann niemanden sehen.« Natürlich konnte er das nicht. Da war ja auch keiner, der auf Squans Beschreibung passte.

»Doch, genau da«, Squan deutete weiter in dieselbe Richtung. Langsam senkte er den Stock wieder, als würde er ihm zu schwer. »Du solltest dem Nachgehen, bevor noch etwas gestohlen wird«, fügte er an.

Die Wache zögerte einen Augenblick, dann verließ er seinen Posten. »Sicher.« Nach wie vor würdigte er Squan keines Blickes. Er grinste in Derks Schal. Sobald die Wache ihm den Rücken zugewandt hatte, schleppte er sich am Stand entlang. Die Händler waren in Preisdiskussionen vertieft. Das war der Moment. Squan tat so als würde er stolpern. Der Stock knallte auf das Pflaster und er stütze sich am Tisch ab, in derselben Bewegung wischte er den Schinken unter seinen Mantel. Mit der versteckten Hand hielt er sich seine Beute vor den Bauch. Von außen musste er wie ein dicklicher alter Mann aussehen. Er bückte sich nach seinem Stock und fischte ihn unauffällig vom Boden. Möglichst ruhig humpelte er weiter. Er kam keine zwei Schritte weit.

»Diebe! Mein Schinken ist weg!« Die Stimme des Metzgers dröhnte durch die Gasse. Mist. Köpfe wurden gehoben, auch Squan tat so, als würde er sich suchend umsehen. Die Wache kam zurückgerannt. »Sucht nach einem jungen Mann«, schrie er. Squan verdrehte die Augen unter der Kapuze und stahl sich Schritt für Schritt rückwärts aus dem Geschehen.

»Halt. Du da. Alter Mann, Du hast ihn doch gesehen, den Dieb.«

Ja, es war der gutaussehende Typ direkt vor seiner Nase. »Ja«, stotterte Squan und hob wieder den Stock. »Da. Da ist er, er hat den Schinken unterm Arm.« Wieder deutete er in irgendeine Gasse, ihm gegenüber. Die Wache starrte in die Richtung. Alle anderen Köpfe richteten sich ebenfalls dorthin aus. Squan wich weiter zurück. Die Wache schnaubte und rannte los. Einige Neugierige folgten ihm ebenso wie der Metzger. Squan trat weiter zurück. Die Schatten verschluckten ihn.

Um ihn wurde es mit jedem Schritt, den er sich vom Markt entfernte, dunkler. Und mit jedem Schritt löste sich seine Anspannung etwas mehr und sein Grinsen unter der Kapuze wurde breiter. Zumindest so lange, bis eine kleine Flamme direkt neben ihm entzündet wurde.

»Wofür brauchst du bitte einen Bohinda-Schinken, Túnth? Auf einmal größenwahnsinnig geworden?«

Squan fuhr zusammen. Fast wären ihm das Brot und der Schinken aus dem Arm gefallen. Anstatt Schinken würde es jetzt wohl doch Dörrfleisch geben. Zuldin stand da, mit dem Rücken lässig an die Wand gelehnt und einer kleinen Flamme zwischen Zeigefinger und Daumen.

Er musterte ihn siegessicher. Sofort suchte Squan nach einer Fluchtmöglichkeit. Hinter ihm teilte sich die Gasse in zwei Wege, einer führte weiter ins Zentrum Bilguhrs, der andere zum Flussufer.

Zuldin stieß sich von der Wand ab und ging gemächlich auf ihn zu. »Also gut. Ich mache dir ein einmaliges Angebot, zur Feier des Tages. Du gibst mir den Schinken und ich erlasse dir deine Schulden. Was sagst du?«

Einen Augenblick gestattete sich Squan, über diese Möglichkeit nachzudenken. Es wäre vermutlich die klügste Lösung seines Problems. Er wich einen Schritt zurück, Zuldin folgte ihm beiläufig. Das Flämmchen zwischen seinen Fingern wuchs zu einer Kugel an. Der Duft des Bohinda-Schinkens brachte Squans Magen zum Knurren. Er stellte sich Derks und Dinyas strahlende Augen vor, wenn er ihnen ein Festessen im Stile Lichtburgs servierte.

Squan umklammerte den Schinken fester. Er schüttelte den Kopf. »Hast du sie noch alle, Zuldin? Kannst du es nicht einfach mal gut sein lassen?« Squan atmete tief ein und presste sich seine Beute an den Körper. Mit den Zehen verrutschte er den Goldenen in seinem Schuh. »Heute ist Zrambat.«

»Pah, Zrambat. Euer knuffiges Fest interessiert mich nicht, Baumkuschler. Letzte Chance, rück den Schinken raus, oder ich treibe dich mit flammendem Arsch zurück ins Clanhaus. Dann hab ich beides, dich und deine verdammte Beute.« Die Flammenkugel sprühte Funken. Squan schielte über seine Schulter in die Gassen hinter sich. Sie waren frei.

Er konnte schneller laufen als Zuldin, aber dieser war ein Feuermagier und Squan verdankte ihm schon genug Brandnarben. Trotzdem, Verbrennungen würden heilen. Die Chance auf ein richtiges Zrambat mit seinen Freunden bekam Squan nicht jedes Jahr. Einen Feuerzwerg wurde man mit nur einem Mittel ganz sicher los. Immer. Squan wich noch einen Schritt zurück.

»Hey, Zuldin«, sagte er ruhig. Der Zwerg hob eine Braue und wartete darauf, dass er weitersprach. Squan spannte die Muskeln. »Fang!« Er schmiss den Stock in Zuldins Gesicht. Im selben Moment drehte er sich um und sprintete los. Zum Fluss.


Wenn man sich im Winter von einem Feuermagier durch die Kälte jagen ließ, musste man sich zumindest keine Sorgen mehr machen zu erfrieren.

Glut explodierte direkt neben Squans Fuß. Er sprang zur Seite und raste weiter. Im Laufen schlug er die Funken auf der Hose aus. Während Zuldin ihm wüste Beschimpfungen hinterherrief, hielt er sich mit seiner freien Hand an einer Säule fest und schwang mit vollem Schwung um die Kurve. Der Fluss kam in Sicht. Squan legte noch einmal einen Zahn zu. Die eisige Luft brannte in seinen Lungen und Schneeflocken peitschten ihm ins Gesicht. Mit dem Arm unter dem Mantel hielt er seine Beute fest an den Körper gepresst. Wenn er den Schinken jetzt verlor, wäre die ganze Aktion umsonst gewesen und er könnte sich genauso gut von Zuldin grillen lassen.

Mit ein paar Sätzen sprang Squan die unebenen Stufen zum Ufer hinab. Bis auf ein schmales Rinnsal in der Mitte glänzten Eisflächen auf beiden Seiten des Flusses. Zuldins Flüche wurden lauter und Squan warf einen Blick über die Schulter. Der verdammte Zwerg schaffte es doch immer wieder ihm auf die Pelle zu rücken. Mit den Beinen voran schlitterte Squan den Abhang zum Wasser hinunter. Sofort richtete er sich wieder auf und rutschte das Brot und den Schinken in eine sichere Position.

Erfahrungsgemäß wusste er, dass der Fluss an den Rändern fest gefroren war, zur Mitte hin wurde das Eis immer dünner. Vorsichtig, aber deswegen nicht langsamer, rannte Squan auf den tiefschwarzen Streifen zu, der sich partout weigerte, der Kälte zu gehorchen, und munter dahinplätscherte. Je näher er der offenen Stelle kam, desto bedachter setzte er die Füße auf. Am Ende schob er sie nur noch vorwärts und glitt über die Eisfläche. Er lauschte auf jede seiner Bewegungen. Sollte es unter seinen Füßen knacken, brächte ihm das vielleicht kostbare Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Vielleicht aber auch nicht.

Zuldins Geschrei in seinem Rücken und das Aufleuchten von Flammen machten es Squan schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder blitzte sein Schatten vor ihm auf und verhöhnte seinen Fluchtversuch. Endlich erreichte er die Mitte des Flusses, beinahe zumindest. Weiter konnte er nicht gehen, ohne einzubrechen. Kurz flackerte sein Blick noch einmal nach hinten. Zuldin zögerte am Flussufer. Mit feuerrotem Kopf und wild fuchtelnden Armen stand er da und schimpfte. So weit, so gut.

Squan schlurfte etwas zurück und nahm Anlauf. Mit einem ausgreifenden Schritt sprang er über das Rinnsal und den nicht ausreichend gefrorenen Teil des Flusses. Das Eis krachte bedenklich und Squan ließ sich nach vorne auf den freien Arm fallen. So kroch er weiter, bis er keine Risse mehr unter den Fingern erkennen konnte. Ohne sich noch einmal nach Zuldin umzusehen, stand er auf, klopfte sich den Schnee vom Mantel und rannte die Uferböschung hoch.

Er verschwand gerade zwischen zwei Lagerhallen, da hörte er hinter sich ein Splittern, lautes Platschen und Geschrei. Squan blieb abrupt stehen. Der Glutkopf war ihm doch nicht etwa hinterher gesprungen? Squan fluchte und drehte um.

Tatsächlich, Zuldin zappelte im Wasser herum. Funken stoben auf und erloschen sofort wieder. Sein Kopf rauchte und er versuchte mit glühenden Händen Halt auf dem Eis zu finden. Dabei scheiterte er kläglich, er brach beim Versuch sich aufzustützen ein. Dämlicher Tiefkühlzwerg.

Squan verdrehte die Augen und ließ seine Beute am Ufer auf den Boden fallen. Mit ausgreifenden Schritten ging er auf Zuldin zu und zog gleichzeitig seinen Mantel aus. Ein Netzwerk aus feinen Rissen wuchs von dem Feuerzwerg aus über die Eisplatte. Schneeflocken fielen aus dem Himmel und begannen bereits damit, diese zu überdecken, sodass Squan nicht mehr wusste, ab wo es gefährlich wurde. Er ging in die Knie und legte sich auf den Bauch. In dieser Haltung schob sich zentimeterweise vorwärts. Zuldin bemerkte ihn. Das panische Plantschen endete. Auf einen Schlag stieg Rauch auf.

»Túnth, wenn ich dich erwi…« Er verlor den Halt und seine Worte erstarben in Husten und Wasserspucken.

»Ich kann auch wieder verschwinden, Zuldin«, knurrte Squan und drehte seinen Mantel zu einem Seil zusammen. Dieses warf er dem Zwerg entgegen. Der sah sich ernsthaft nach jemand anderem um, der ihm helfen könnte. Leider waren sie alleine. Mit einer Beleidigung auf den Lippen grapschte der Zwerg nach dem Mantel und hielt sich daran fest.

»Mach da ja keine Brandflecken rein.« Mit seinen Füßen spreizte Squan sich ein. Er krallte die Hände in den Stoff und zog mit aller Kraft. Keuchend hangelte Zuldin sich aus dem Fluss, kroch auf allen vieren zur Uferböschung und blieb dort auf dem Rücken liegen. Der Zwerg atmete schwer. Bevor er richtig anfing zu zittern, stieg Dampf von ihm auf. Er trocknete sich. Für einen Moment spielte Squan mit dem Gedanken an einen zweiten Aufguss, verwarf ihn aber, als er Zuldins hochrote Miene sah. Squan schüttelte seinen Mantel aus, bevor er hineinschlüpfte. Ihm lief eine Gänsehaut. Der Stoff war pitschnass und verdammt kalt. Langsam trat er vor Zuldin. »Lässt du mich jetzt endlich in Ruhe?«

 »Treib es nicht zu weit, Túnth«, presste der keuchend zwischen den Zähnen hervor. Zuldin musterte Squan mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen. Er strich sich über den von Eiskristallen übersäten Bart.

»Ich kann dich auch wieder reinwerfen«, fügte Squan hinzu, als der Zwerg nicht antwortete. So unauffällig wie möglich, versuchte er näher an seine Beute zu kommen.

Zuldin atmete tief ein und ließ die Arme an seine Seiten fallen. Kopfschüttelnd antwortete er endlich: »Na gut. Nimm deinen verdammten Schinken und verzieh dich. Aber wehe, wenn du mir morgen unter die Augen kommst …«

Squan zuckte mit den Schultern. Er senkte das Kinn in Derks Schal, um ein Grinsen zu verstecken. »Nichts zu danken und fröhliches Kr’ok Tharr, Zuldin.«

Der Zwerg knirschte hörbar mit den Zähnen. »Schönes Zrambat«, murmelte er in seinen Bart. Squan winkte ab und drehte sich um.

Irgendwo dort am Ufer mussten das Brot, der Gewürzwein und der Schinken liegen. Er fand nur zwei der drei Dinge. Squan schnappte nach Luft und rannte an die Stelle. Der Krug lag unberührt da, von dem Laib Brot fehlte ein Stück und eine Spur aus Krümeln führte am Ufer entlang. Einige Meter weiter spazierte ein Hund, sichtlich stolz, mit dem guten Bohinda-Schinken im Maul davon. Squan traute seinen Augen nicht. Hitze stieg ihm in den Kopf und er ballte die Fäuste. Nun war er es, der mit den Zähnen knirschte.

»Bei Iusititia …«, fluchte er laut. Zu spät.

Kopfschüttelnd atmete Squan ein paar Mal tief durch. Der Hund bekam ein besseres Zrambat-Mahl als Derk und Dinya. Das hatte man davon, wenn man einem vom Feuervolk das Leben rettete. Schnell hob er den Rest vom Brot und den Krug auf und machte sich auf den Heimweg.


Der kalte Wind ließ ihn erschaudern und Squan zog den Schal enger um die Nase. Mit in den Taschen steckenden Händen schlurfte er auf das Versteck zu, in dem Derk und er schon seit einigen Jahren lebten. Mittlerweile war es dunkel und ruhig geworden in Bilguhr. Die Menschen saßen bei ihren Familien und feierten.

Squan hatte sich nach dem äußerst erfolgreichen Taschendiebstahl am Morgen zu der Hoffnung hinreißen lassen, auch einmal ein gemütliches und heimeliges Zrambat erleben zu können. Er schob den Goldenen in seinem Stiefel etwas nach hinten. Die Münze drückte ihm bei jedem Schritt in die Fußsohle und verhöhnte damit den angefressenen Laib Brot und den kümmerlichen Krug Gewürzwein unter seinen Armen. Der edle Bohinda-Schinken war fort, gefressen von einem lausigen Straßenköter … Er kickte einen Stein vor sich her.

Als Squan das alte Holzfällerviertel erreichte, fielen dicke Schneeflocken vom Himmel. Im Dunklen konnte man sich sogar einbilden, sie wären weiß, auch wenn die Öfen der Eisenhütten Tag und Nacht brannten und ihren Ruß in den Himmel schickten. Viele Häuser standen leer. Nachdem der Wald an dieser Seite der Stadt immer weiter zurückgewichen war, verschwanden die Erdmenschen von hier. Die meisten. Derk war geblieben, der Sturkopf.

Ihr Versteck lag unter der Ruine einer abgebrannten Taverne. Im grünlichen Schummerlicht der Leuchtrunen in den Hauswänden, erkannte Squan die in die Höhe ragenden Überreste der Wände. Verkohlte Holzbalken reckten sich in den Himmel wie Finger, die nach den Sternen griffen, sie aber nie erreichen würden. Schutt lag im Inneren der Ruine herum. Der Brand lag Jahre zurück, doch niemand hatte sich die Mühe gemacht, den Unrat zu beseitigen. Langsam ging Squan in den Hinterhof, zu der Luke im Boden. Sie führte in den Weinkeller. Das Gewölbe unter dem Haus hatte den Brand beinahe unberührt überstanden. Asche und Schutt darüber dichteten den Dielenboden ab und isolierten das Versteck vor der Kälte im Winter und der Hitze im Sommer. Das entschädigte für den durchdringenden Gestank nach Wein und Moder.

Squan sah sich noch einmal über die Schulter und öffnete die Luke. Unten war es dunkel. Er sprang hinunter, anstatt die Leiter zu verwenden. Keuchend landete er. Wie immer verschlug ihm der Geruch für einen Augenblick den Atem. Man gewöhnte sich allerdings schnell daran und nach ein paar Minuten roch man es überhaupt nicht mehr. Squan warf seine armselige Beute auf den Tisch und hängte den feuchten Mantel über eines der zahlreichen leeren Fässer. Mit den Feuersteinen aus seiner Hosentasche entzündete er eine Kerze. Vielleicht sollte er ein paar mehr aufstellen, zur Feier des Tages. Er rieb sich die Finger warm.

»Alter, soll das alles sein?«

Squan fuhr zusammen und drehte sich um. Derk saß auf dem Strohhaufen, der sein Bett war. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt und angezogenen Beinen starrte er ihn aus dem Schatten heraus an. »Du bist ja doch schon da«, stellte Squan fest und atmete die angehaltene Luft wieder aus. Derk zuckte zur Antwort mit den Schultern. »Wieso sitzt du im Dunklen?«, wollte Squan wissen.

Derk sah sich um, als würde ihm das gerade erst auffallen. »Bin gerade erst gekommen.« Sicher … Draußen schneite es Schneebälle und sein Haar war völlig trocken. Squan ignorierte die Lüge und schabte mit den Fingern den Teil des Brotes ab, den der Hund angenagt hatte.

Derk hievte sich aus seinem Bett und kam an den Tisch. Er musterte ihr Festmahl mit hochgezogener Braue. »Willst du mir erzählen, du hast nicht mehr zu essen bekommen, für einen ganzen Goldenen?«  Mit verschränkten Armen rümpfte er die Nase. »Sag bitte nicht, du hast die Münze in einer Taverne gelassen.«

Squan presste die Lippen aufeinander. »Wirke ich, als hätte ich einen Goldenen versoffen?«

Derk schnaubte und zog sich einen Hocker heran. »Nee, nicht mal du könntest dann noch geradeaus laufen.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jetzt geschmeichelt fühlen sollte oder nicht …« Squan setzte sich ebenfalls. Sein Magen knurrte. »Wo ist Dinya?«, fragte er.

Derk senkte den Blick auf seine Hände. Ein Schatten legte sich über sein Gesicht. »Schläft«, nuschelte er.

Squan zog die Brauen zusammen. »Dann geht es ihr schlechter?« Ihm verging der Appetit.

Kurz zögerte Derk, dann nickte er. Er griff nach dem Brot und pulte Krümel heraus. »Sie hat mich rausgeworfen. Hat gesagt, ich soll mein scheiß Zrambat mit dir feiern und sie schlafen lassen.«

Ein Lächeln huschte für eine winzige Sekunde über Squans Gesicht. Das klang nach Dinya.

Derk seufzte. »Ich weiß nicht was ich tun soll. Es ist nicht nur das Fieber …« Er hob den Kopf und sah Squan durchdringend an. »Sie vergisst Dinge, manchmal ist sie nicht sie selbst. Und es wird jeden Tag schlimmer.« Bevor der Haufen Krümel vor ihm noch höher wurde, schob Derk das Brot zur Seite. Er schwieg, das ließ Squan schaudern. Derk war nicht der Typ für Stille. Wenn ihn etwas bedrückte, suchte er sich normalerweise etwas zum dagegen schlagen, oder jemanden. Nun saß er da und starrte schweigend auf seine Hände. »Ich hab Angst«, gab er zu.

Derk brauchte dringend eine Aufmunterung. Schnell schlüpfte Squan aus dem Stiefel und fischte nach dem kleinen Säckchen mit der Münze darin. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht warf er es Derk vor die Hände. »Frohes Zrambat.«

Derks Blick wanderte von dem Säckchen zu Squan und wieder zurück. »Ist das nicht …?« Squan nickte und verschränkte die Arme. Er wippte mit seinem Hocker. »Du hast ihn nicht ausgegeben?« Derk griff nach seinem Geschenk, stoppte aber mit der Hand in der Luft darüber. »Du Idiot! Du hättest das verdammte Geld für Essen ausgeben sollen. Damit wir alle was davon haben.« Derks Worte wurden immer lauter, sein Gesicht färbte sich rot.

Squan ließ sich nicht davon beeindrucken. »Ich habe was davon, wenn Dinya wieder gesund wird und ich mir dein Gejammer nicht mehr anhören muss«, erwiderte er.

Derks Gesichtsfarbe normalisierte sich, aber seine Hand hing immer noch über dem Beutel. »Das ist zu viel«, flüsterte er. »Nein, ist es nicht«, Squan wurde ernst, »und wenn ihr zwei es richtig anstellt, reicht das Geld auch noch dafür, Dinya aus dem Glutofen zu holen.«

Derk lachte auf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Das schlägst du ihr aber vor. Mich bewirft sie nur wieder mit ihrem Stiefel … Dinya will nicht gerettet werden.«

»Das muss sie auch gar nicht. Ich meine, mit dem Geld könnt ihr beide euch ein Leben aufbauen. Ein richtiges Leben, nicht sowas hier.« Er deutete durch ihr Versteck. Derk wich seinem Blick aus und nickte vorsichtig. Seine Hand senkte sich langsam auf den Beutel mit der Münze darin. Da klopfte es.

Sie rissen beide die Köpfe hoch. Jemand stand über der Luke. »Derk?«, fragte eine Stimme. Ein Mädchen, eine von Dinyas Freundinnen aus dem Glutofen.

Derk sprang auf. »Was?«, rief er.

»Dinya«, sprach das Mädchen weiter, »es geht ihr schlecht. Du solltest kommen. Sofort.«

Der Klang ihrer Stimme verursachte Squan eine Gänsehaut. Derk stand da mit offenem Mund, bewegte sich aber nicht. »Nimm den Goldenen und bring den Heiler zu ihr«, sagte Squan eindringlich. »Jetzt sofort!«

Derk sah ihn an. »Und was machst du?« Seine Finger schlossen sich um die Münze.

»Ich besuche Zuldin in der Taverne. Der freut sich sicher mich zu sehen.« Squan schmunzelte. »Geh zu Dinya.«

Derk nickte. „Verbrenn dir nicht wieder die Finger!“ Mit großen Schritten stapfte er zur Luke. Den Goldenen fest in seine Faust geschlossen. Er drehte sich noch einmal um, bevor er die Leiter hochstieg. »Danke, Squan.«

Squan hob den Krug mit dem Gewürzwein in die Höhe. »Richte Dinya ein frohes Zrambat aus.«

Ende

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